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Kiezmeile: mo
Werte
beziehungsweise Wir hatten auch mal einen Kaiser
Werte lassen sich definieren als Handlungsweisen (Ehrlichkeit) oder als Güter (Kunst), die innerhalb einer Gesellschaft als erstrebenswert gelten. Streng genommen definieren sich Gesellschaften (oder sozio-kulturelle Einheiten) sogar via eines gemeinsamen Wertesystems, nicht beispielsweise durch eine gemeinsame Sprache. So weit, so gut, zumindest, wenn wir nicht auf die Frage eingehen, wie viel Übereinstimmung in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren überhaupt existieren kann. Wir erinnern uns an den geplanten Einbürgerungstest für Ausländer und seine absurden Fragen.
Oder: Wie würde ein Volksentscheid ausfallen, der fragen würde, ob Berlin lieber drei Opernhäuser subventionieren oder 100 Liter Freibier pro Jahr pro volljährigen Bürger austeilen sollte? Das gäbe doch eine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Wertekonsens.
Vermittelt und kontrolliert werden Werte durch Personen oder Einrichtungen, in deren moralische Integrität Vertrauen gesetzt wird (oder deren mögliche Sanktionen man zumindest ein bisschen fürchtet). Wer soll das heute noch sein? Staat, Kirche, Schule und in vielen Fällen auch das Elternhaus haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Friedmann kokst, Kohl litt unter Black-Outs, und Vati und Mutti gehen in den Swinger-Club. Alte Regeln gelten nicht mehr, neue unterliegen der freien Entscheidung des Einzelnen.
Wie wenig Übereinstimmung à priori herrscht, erkennt man daran, dass an der Schule meiner Töchter von Schülern und Lehrern ein Verhaltenskodex erarbeitet wurde, wonach zum Beispiel keiner beschimpft und keiner körperlich misshandelt werden darf, genauso wie es gilt, das Eigentum der Schüler und der Schule zu schützen. Ein derartiges Regelwerk wäre zu Kaisers Zeiten völlig überflüssig gewesen, ja enthielte sogar noch andere selbstverständliche Komponenten, wie Respekt vor Älteren und saubere Fingernägel.
Werte verändern sich im allgemeinen schleichend. Wenn der Wertewechsel abrupt geschieht, gibt es eine Revolution.
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Würden z.B. genügend Menschen Privateigentum als Diebstahl betrachten, könnten wir eine Neuauflage des Experimentes Kommunismus starten. In unserer Gesellschaft etabliert sich aber nichts Neues, weder langsam noch schnell. Eine Zeitlang war „Geiz geil“, dann wieder „Luxus – man gönnt sich ja sonst nichts“.
Selbst das ordentliche deutsche „Erst die Arbeit, dann das Spiel“ wird hinterfragt. Die neue Kindl-Werbung trotzt tapfer der Hartz-4-Realität und der Verschuldung der Privathaushalte und propagiert nach dem Motto „sie tun es schon tagsüber“ Küssen und Saufen vor Sonnenuntergang. Vielleicht jetzt erst recht, das Römische Reich ging doch auch in einer Orgie unter.
Ich glaube, es gilt, sich der Realität zu stellen. Gesetze verhindern den schlimmsten Individualismus, aber um den Rest müssen wir uns selber kümmern. Werte kriegen wir nicht mehr verordnet, wir müssen sie entwickeln. Wer denken und fühlen kann, ist geradezu verpflichtet, jeden noch halbwegs anerkannten Wert zu hinterfragen. Schranken kann nur das Wohlergehen der anderen weisen.
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Kiezmeile: hs
Werte auf dem Kopf:
Karl Nessler hat die perfekte Welle gedreht. 100 Jahre Dauerwelle
Als es noch darauf ankam, dass die Dame mehr auf als im Kopf haben sollte, aber sich trotzdem erste Anzeichen von Emanzipationsbestrebungen anbahnten, wurde die Dauerwelle erfunden. Nein, nicht in Paris, London oder New York, sondern in Todtnau im tiefsten Schwarzwald. Ist ja auch logisch, hat es - außer in Bayern – dort am längsten gedauert, bis man die Emanzipation der Frau wenigstens als Strafe Gottes verstand.
Schuld daran ist er: Karl-Ludwig Nessler. Er war schon als kleines Kind begeistert von der Idee, Haare zu wellen. Der 1872 in Todtnau geborene Nessler, Sohn eines einfachen Schuhmachers, hat mit der Dauerwelle einen Frisuren-Klassiker geschaffen. Er tüftelte schon in seiner Jugend an einer Methode, glattes Haar lockig werden zu lassen. Die Idee kam ihm Berichten zufolge in der Natur. Als Kind hatte er beim Ziegenhüten beobachtet, wie sich Blumen und Gräser bei herannahendem Regen ähnlich wie Haarlocken zusammen zogen. Nach zwei bis drei Stunden Sonnenschein wurden sie wieder gerade.
Das Patriarchat wurde komplett, als er von seiner Frau verlangte, sich als Testobjekt zur Verfügung zu stellen.
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Die schmerzhaften Verletzungen durch diese Versuche waren auch das Ende seiner Ehe. Nessler ging nach Paris und später nach London. Dort schaffte er den Durchbruch im Oktober 1906. Und dort stellte er - der zuvor wegen seines Umzugs nach Paris die französische Variante seines Namens, Nestlé, angenommen hatte - den ersten Dauerwellenapparat vor.
Es waren aber nicht die Damen der Gesellschaft, die diese Tortur freiwillig über sich ergehen ließen, sondern ihre Herren verlangten dies.
Das Haar wurde in einer alkalischen Lösung getränkt und spiralförmig auf Metallstäbe gewickelt. Die Wickler standen strahlenförmig ab. Eine „Behandlung“ dauerte zwischen sechs und acht Stunden.
Die Welle schwappte schnell nach Übersee, und Nessler zog nach New York, in den USA waren 1915 bereits Hunderte von Raubkopien des Dauerwellenapparates im Umlauf.
In der East 49th Street belegte er mit seinen Geschäften eine gesamte Häuserfront, in mehreren amerikanischen Städten gründete er weitere Friseursalons.
Jede Frau, die etwas auf sich hielt, wollte plötzlich eine Dauerwelle haben, und es ist nachgewiesen, dass kein so genannter Promi eine Dame „auserwählte“, die ohne Dauerwelle war. Amerikas Frauen der „Oberen Zehntausend“ ähnelten immer mehr Königspudeln. Aber: 1927 beschäftigte Nessler in New York, Chicago, Detroit, Palm Beach und Philadelphia bereits rund 500 Mitarbeiter.
Die Erfindung machte ihn reich, durch den Börsencrash verlor er sein Vermögen und verstarb völlig verarmt.
Auch die Dauerwelle hat mittlerweile deutlich an Erfolg eingebüßt. Obwohl heute keine gefährlichen Brandstäbe mehr nötig sind, sondern einzig Chemie dem Haar Locken einprägt, unterziehen sich laut Gesellschaft für Konsumforschung nur noch drei Prozent der Frauen dieser Prozedur.
Fazit: Die Dauerwelle hat keinen „Wert“ mehr – es gibt auch noch gute Nachrichten.
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Kiezmeile: dg
Auf ein Glas im „Zu der halben Nacht“
Was will uns der Dichter damit sagen? Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros’ entsprungen“
Es ist ein Ros‘ entsprungen
aus einer Wurzel zart.
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.
Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie, die reine Magd.
Aus Gottes ew‘gem Rat
hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.
Diese uns als Weihnachtslied überlieferte Dichtung entstammt der Feder eines Geistlichen aus dem 15. Jahrhundert, in das auch die Herkunft der Melodie datiert wird. Wir mutmaßen, dass auch sie aus derselben Feder stammt, denn was hatte man sonst schon zu tun als Geistlicher zu einer Zeit, da der später ebenfalls dichtende Dr. Luther noch nicht die Deutungshoheit der römischen Kirche ins Wanken gebracht hatte? Man kassierte dort ein wenig für den Ablass und dichtete hier ein wenig vor sich hin. Schreiben und Lesen konnte man ja, im Gegensatz zu denjenigen, welchen man einen Ablass verkaufte, einen Zettel also, auf dem stand, dass man zwar ein Sünder sei, sich von denselben jedoch freigekauft habe mittels des letzten Groschens, den man besaß. So verhungerten zwar die Kinder, die Seele aber war fürs erste gerettet und außerdem hatte man einen feinen Bogen Papier als Wandschmuck. Kurz: Die Forschung kennt den Dichter nicht. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass es sich um einen Mann handelt, da in der zweiten Strophe Behauptungen aufgestellt werden, die eine Frau so nicht gemacht hätte, weil sie es besser wüsste. Doch dazu später mehr.
„Es ist ein Ros’ entsprungen?“ Mh, was will der Dichter uns damit sagen? Wer diese Zeile zu Gehör bekommt, denkt zuallererst an einen Reiterhof. Das Ross ist entsprungen, um sich einem weiteren qualvollen Tag zwischen Schenkeln eines Reitschülers zu entziehen. Seht, da entspringt es und stolpert über eine Wurzel zart. Doch nicht das Ross stolpert, nein, der Leser stolpert. Die Ahnung steigt hoch, dass Pferde als Säugetiere selten bis nie einer Wurzel entspringen. Es muss sich also um eine Pflanze handeln und schon fällt es einem wie Schuppen aus den Haaren: mit Ros’ ist natürlich die Königin der Blumen gemeint, die Rose. Es geht in diesem Lied thematisch demnach um Gartenpflege oder ähnliches. Dass die Wurzel einer Rose indes zart sein soll, wie es uns der Text suggeriert, erschließt sich auch angesichts der dornigen Stängel derselben noch nicht sofort. Dieses Missverständnis aufzuklären, lässt sich der Dichter bis zur letzten Strophe, der zweiten nämlich, Zeit. Doch bleiben wir in der Reihe: „Wie uns die Alten sungen“, welche Alten? Etwa unsere Eltern? Oder gar jene, welche die katastrophale Überalterung Deutschlands zu verantworten haben? Und das schon im 15. Jahrhundert? Der Text gibt erneut Rätsel auf. Doch nein, diese Zeile will wohl sagen, dass es sich bei der Handlung des Textes um eine ältere Überlieferung handelt. Aber dann kommt’s knüppeldicke: „von Jesse kam die Art“. Wer hier nicht aufgibt, ist ein Experte. Mit Jesse ist nicht etwa der schnelle Jesse Owens gemeint. Vielmehr handelt es sich um den auch Isai genannten Stammvater der Sippe, aus der der beliebte Kirchengründer Jesus Christus von Nazareth der wahrscheinlich prominenteste Vertreter ist. Von ihm, Jesse oder Isai, kam die Art, die Familie also,
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aus der Wurzel und schließlich Ros’ entsprungen sind. Aha! Um wen mag es sich bei der Rose wohl handeln? Doch weiter im Text: „Und hat ein Blümlein bracht“, hier wiederholt sich der Dichter, um noch einmal auf seine Blumenallegorie (nicht zu verwechseln mit Allergie!) hinzuweisen. „Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“ Endlich Action, möchte man meinen, nachdem sich das entspringende Ross leider nur als zarte Rose herausgestellt hat. Denn hier zeigt sich, dass es mit der Ros’ etwas Besonderes auf sich haben muss, da sie erstens mitten im Winter entspringt, der, wie um zusätzliche Dramatik zu erzeugen auch noch als kalt attributiert wird. Zweitens erblüht sie zudem, wenn sich alle anderen Blüten zur Ruhe schließen, nämlich nachts. Zur halben Nacht ist hier nicht etwa der Name einer Kneipe mit Sperrstunde, sondern ein zugegebenermaßen verklausuliertes Synonym für Mitternacht. Die Geisterstunde hat geschlagen, womit die bislang geschilderte Story in ein neues, unheimliches, mystische Licht getaucht wird.
Die zweite Strophe beginnt nun endlich mit einer in aufklärerischem Ton hervorgebrachten Zeile, bei der sich nun auch das lyrische Ich erstmals selber ins Spiel bringt: „Das Röslein, das ich meine“. Jetzt erwartet der Leser Klarheit, doch was passiert? Wieder wird die Verantwortung abgeschoben auf einen, der sich nicht mehr wehren kann: „davon Jesaja sagt“, Jesaja, gest. ca. 687 v. Chr., also ungefähr Zweitausend Jahre vor Entstehung des Textes. Jesaja war ein hauptberuflicher Prophet aus der Gegend von Jerusalem, der einige militärische Niederlagen prophezeit hatte, aber auch das kommende Heil und die Ankunft eines leidenden Gottesknechts. Für den aufmerksamen Leser beginnt sich langsam der Kreis zu schließen.
„Das Röslein […] hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd“. So sieht’s nämlich aus. Die plötzlich im Diminuitiv (Verniedlichung) erscheinende Rose wurde von Marie, nennen wir sie der Einfachheit halber doch gleich Maria, gebracht, die so mit der zarten Wurzel aus der zweiten Zeile zu einem literarischen Bild von der Gebärenden – Wurzel gleich Mutter - verschmilzt. Irritiert sind wir ob der vom männlichen Dichter mehr in seiner Fantasie ersehnten Reinheit jener Magd schon lange nicht mehr: Die Magd als Sinnbild der dienenden Frau allgemein, die zwar Kinder bekommen soll – und möglichst auch noch Heiländer, wie der Plural von Heiland doch wohl lautet – aber ihre Jungfräulichkeit zur Freude und Ehre des Mannes bewahren muss. Wer ist dieser chauvinistische Mann, fragen sich die Rezipienten singend um den Weihnachtsbaum, und was wird Josef dazu sagen? Der Text gibt Antwort: „Aus Gottes ew’gem Rat hat sie ein Kind geboren, wohl zu der halben Nacht.“ Da haben wir ihn, den Verantwortlichen für Ros’ und Röslein: Es war Gott, der mit seinem „ew’gem Rat“ – so nannte man das damals wohl, obwohl zu bezweifeln ist, dass es wirklich so ‚ewig’ gedauert haben dürfte – der Maria eine Rose eingepflanzt hat, die diese nun unter Schmerzen (Dornen!) gebären muss. Und später wird sie zusehen müssen, wie diese Rose ebenfalls unter Schmerzen (wieder Dornen!) am Kreuze verblüht. Wenigstens wird die Frau Mama dafür bis heute verehrt. Die Rose, Sie wissen es längst, ist niemand anderes, als jener erwähnte Jesus, dessen Geburtstag – glaube ich – auch irgendetwas mit Weihnachten zu tun hat. Das hätte der Dichter uns aber auch gleich sagen können. So gibt es jedes Jahr rund um das Weihnachtsfest fragende Blicke beim Absingen jener hier uns beschäftigenden Zeilen. Gerade deshalb jedoch mögen wir ja Weihnachten auch so: das Geheimnisvolle macht den Zauber aus. Daher lasset uns danken dem Dichter und uns allen wünschen ein gesegnetes Weihnachtsfest, möge es allen gehen „wohl zu der halben Nacht.“
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Barbara Jasper
Soziale Reibung –
gemeinsame Werte
Seltsam, dass es in der aktuellen Wertedebatte zumeist weniger um diese selbst als vielmehr um ihren Verlust geht. Und natürlich um die Frage, wie diesem begegnet werden kann. Anders als der Wertverlust lässt sich der Werteverlust leider nicht über die Versicherung oder eine geschickte Steuererklärung ersetzen.
Vielleicht ist der Verweis auf die materiellen Werte gar nicht so abwegig. Hilfreich wäre nämlich so etwas wie eine immaterielle Wertschöpfungskette.
Am Anfang könnte das von Drogeriemarktchef Müller vorgeschlagene Grundeinkommen für alle stehen. Sind alle Menschen materiell versorgt, dürften jene Werte zurück ins Spiel kommen, deren Verlust allenthalben beklagt wird,
soziale Verantwortung zum Beispiel. Möglich wird das über eine positive soziale Kontrolle, die nach dem Beitrag jedes Einzelnen für die Gesellschaft fragt.
Ein kollektives soziales Gewissen sozusagen, das aus moralischen Gründen eine Art Gegenleistung für das eigentlich bedingungslos gewährte Grundeinkommen verlangt.
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Man stelle sich die neue Qualität nachbarschaftlicher Unterhaltungen im Treppenhaus vor. „Ich gehe gerade für die alte Frau Maier einkaufen, soll ich Ihnen etwas mitbringen?“ „Ja, das wäre nett. Dann kann ich in der Zeit das Laub im Hof zusammenfegen.“ Utopie?
Möglich. Wie motiviert man zum Beispiel grundversorgte Menschen zu äußerst unangenehmen Arbeiten wie Müll sortieren oder Spargel stechen? Man wird sich etwas einfallen lassen können, so wie es in Wohngemeinschaften Pläne gibt, wer wann das Klo putzen muss. Leider gibt es keine WG, in der diese Aufgabenverteilung über lange Zeit reibungslos klappt.
Aber wer sagt, dass Gesellschaft reibungslos klappen muss? Vielleicht ist es gerade diese Art Reibung, die etwas mehr soziale Wärme erzeugen kann.
Denn um sich auf gemeinsame Werte zu verständigen, ist die Auseinandersetzung mit den Mitmenschen nötig.
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Wolfgang Lange
Dostojewski und Werte
Wenn man vom „Werten“ der Werte spricht, so tut man dies ganz im ökonomischen Sinne. Es geht um eine Orientierung, die sich auf den überzeugungsmäßigen Hintergrund von Werturteilen bezieht. Ein Ding, eine Sache wird gegen eine andere abgewogen, um eine Vergleichsgröße vor Augen zu haben. Diese Vergleichsökonomie zielt nicht auf eine wirtschaftlich-materielle Funktion von Werten. Die folgt ja letztlich nur aus dem Umgang mit den absoluten, den an sich bestehenden Werten, wie etwa der Liebe.
Aber wie lassen sich diese Werte messen, wie kann man den „Wert“ einer Liebe zum Ausdruck bringen und wie können die eigenen Wertmaßstäbe getestet werden?
In seinem Roman „Der Idiot“ gibt Dostojewski dazu eine ganz illustre Darstellung: Die bildschöne Nastasja Filippowna wird von zwei Herren begehrt, die beide ihre unendliche Liebe beteuern. Filippowna ist an beiden Herren nicht interessiert. Als die beiden dennoch an ihrer Liebe festhalten, stellt Dostojewski sie auf die Probe. Dem einen bedeutet Geld alles und er schenkt Filippowna ein Paket mit 100.000 Rubel.
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Diese meint, wenn er ihr das Geld ohne Absichten geschenkt habe, dann könne sie es schließlich auch in den Kamin werfen. Dies tut sie und der Herr erleidet die schlimmsten Qualen, bis er doch noch einen Rest des verkohlten Geldes rettet. Der andere Herr sucht seine Liebe zu demonstrieren, indem er seine Hand für zehn Minuten über die Flamme einer Kerze hält. Mein Gott, ich weiß nicht mehr wie das mit der Hand endet, ich glaube Filippowna reißt seine Hand von der Flamme weg, am Besten ihr lest es selber nach.
Für die beiden Herren mag der Einsatz gleich groß gewesen sein, aber der Leser empfindet doch den Unterschied des Gewichtes. Die Liebe wird allgemein eben weniger mit dem Wert des Geldes verglichen, als mit der körperlichen Empfindung. Für die Bemessung von Werten stellt sich also die Frage des angemessenen Vergleichswertes. So müsste man wohl fragen: Welche Handlung ist notwendig, um dies oder jenes zu erreichen. Ob es die Sache dann wert ist, ließe sich durch einen persönlichen Abgleich ermessen.
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